MEP Deutschland

Rede Liv Riemann – MEP.de 2025

Sehr geehrter Vorstand und Lehrer, werte Co-Präsidenten, geschätzte Ausschussvorsitzende, allwissende Fact Advisor und Sie liebe Delegierte,
während wir heute, nach diesen beflügelnden Tagen voller Debatten, sanft zur Landung ansetzen, ergreife ich das Wort mit jener Mischung aus Respekt und einer Prise Schmunzeln, die sich unweigerlich einstellt, wenn man sich mit solcher Hingabe ins Cockpit der europäischen Zukunft wagt.
Ihre Gedanken stiegen in diesen Sitzungen in luftige Höhen, manche Ideen entfalteten sich mit majestätischer Schwungkraft, während andere im Sturzflug auf die harte Realität trafen. Doch gemeinsam haben Sie sich nicht von Turbulenzen entmutigen lassen, sondern stets den Horizont im Blick behalten – auch wenn Sie hin und wieder die Thermik des Idealismus höher trug, als es die realpolitischen Windströmungen erlaubten.
Ich ziehe heute ausdrücklich den Hut – oder, wie unsere saarländischen Freunde sagen würden, „Chapeau“ – vor Ihrer Fähigkeit, stets souverän in der Luft zu bleiben, selbst wenn so manche Argumentationslinie kurzzeitig ins Trudeln geriet oder sich in einer gedanklichen Windstille wiederfand, haben Sie ihn mit kluger Rhetorik und frischem Aufwind stets zurück auf Kurs gebracht.
Natürlich gab es auch Momente des entspannten Dahingleitens – oder, wie unsere Höhenflieger des Ausschusses EMPL 1 es nennen würden: „Gammeln“ – die unserer Sitzung eine sympathisch menschliche Note verliehen haben. Diese kleinen Pausen, sei es ein kurzer Moment des Innehaltens oder ein kollektives Durchatmen, haben uns manchmal unerwartet geholfen, neue Perspektiven zu gewinnen. Schließlich ist es oft genau dieses kurze Loslassen, das den Kopf frei macht, um danach mit klarem Blick und neuer Energie wieder durchzustarten.
Doch wie jeder erfahrene Flieger weiß, bleibt man nur in der Luft, wenn man sich kontinuierlich weiterentwickelt. Darum hat das MEP keinen Autopiloten. Vielmehr ist es ein stetiger Prozess der Erneuerung – ein Kunstflug, der sich mit jeder Sitzung weiter verfeinert. So haben wir mit dem ersten Doppelausschuss in einem nationalen MEP – einem waghalsigen Formationsflug der Kampfpiloten von ITRE und SEDE – Neuland betreten und bewiesen, dass komplexe Themen durch Teamwork noch zielsicherer navigiert werden können. Auch die neue Strukturierung der Debatte mit der Einführung von Rückfragen war ein kühner Kurswechsel, der uns nicht nur herausforderte, sondern auch half, Argumente noch präziser zu schärfen. All das zeigt: Wer hoch hinaus will, darf keine Angst vor neuen Flugrouten haben.
Doch so sehr sich das MEP weiterentwickelt, manche Dinge bleiben beständig: Unsere Unterkünfte – vom Bundesrat über die Ländervertretungen bis zur Julius-Leber-Kaserne – boten uns erneut nicht nur einen Schlafplatz, sondern auch den perfekten Rahmen für politische Exkurse. Ebenso verlässlich waren die inspirierenden Menschen, die dieses MEP geprägt haben und uns zeigten, dass Europa nur dann wirklich abhebt, wenn wir gemeinsam fliegen.
Und natürlich gibt es Traditionen, die selbst der stärkste Gegenwind nicht aus der Bahn wirft: die erneute Ablehnung der Resolution des Ausschusses LIBE. Keine Liebe für LIBE – ein übler Running Gag, der leider so zuverlässig wiederkehrt wie die Sicherheitsunterweisung vor dem Abflug.
Doch das MEP ist nicht nur eine Landebahn für Debatten, sondern auch ein Sprungbrett für politische Partizipation. Wie junge Vögel, die ihr Nest verlassen, haben Sie gelernt, Ihre eigenen Schwingen auszubreiten – erste politische Höhenflüge zu wagen, sich gegen den Wind zu stemmen und mit jeder Diskussion sicherer zu werden. Vielleicht fühlt sich manch einer noch, als stünde er wackelig am Rand, unsicher, ob die eigenen Flügel tragen. Doch genau darin liegt die Stärke: den Mut zu haben, abzuheben.
Der bodenständige Flugpionier Otto Lilienthal sagte einst sinngemäß: „Eine Eule bleibt nicht im Nest, obgleich es vertraut ist, weil sie gelernt hat, dass ihr die Lüfte gehören.“ In diesem Sinne: Lassen Sie das MEP nicht nur ein kurzes Manöver sein, sondern den Start für etwas Größeres. Lassen Sie Ihre Ideen weiterfliegen, tragen Sie sie in Ihr Umfeld, Ihre Schulen, halten Sie sie Ihr Leben lang in Ehren.
Doch wir dürfen uns nicht vormachen, dass dieses MEP ein perfektes Abbild Europas ist. Wer hier sitzt, bringt oft schon das intellektuelle und soziale Gepäck mit, das eine solche Erfahrung ermöglicht. Viele von uns sind bereits mit dem europäischen Gedanken vertraut, meist sogar von ihm überzeugt. Doch genau das stellt uns vor eine Herausforderung: Erreichen wir wirklich die, die zweifeln? Die, die sich von Europa abgewandt haben – teils aus Enttäuschung, teils aus Misstrauen.
Europa kann nur dann ein stabiles Nest sein, wenn wir nicht nur unter Gleichgesinnten bleiben, sondern auch denen Platz bieten, die sonst herausfallen würden. Ein echter europäischer Geist offenbart sich nicht durch eine gegenseitige Bestätigung im engen Kreis, sondern darin, neue Räume zu schaffen, neue Stimmen zu hören – und damit sozial zugänglichere Nester zu bauen. Vielleicht müssen wir lernen, nicht nur unsere eigenen Küken aufzuziehen, sondern auch die zunächst fälschlich für Kuckuckseier gehaltenen, die sonst keinen Platz fänden.
Es liegt an uns, Europa nicht nur hier in diesen Hallen zu verteidigen, sondern dorthin zu tragen, wo es wirklich gebraucht wird. Denn wenn der europäische Gedanke in aller Breite flügge werden soll, reicht es nicht, ihn allein in diesem Hause zu entfachen.
Während wir nun zur finalen Landung dieses 26. MEPs ansetzen, bleibt eines klar: Unsere Reise darf hier nicht enden. Die Debatten, die Sie führten, die Ideen, die Sie in die Luft brachten und die Verbindungen, die Sie knüpften, werden Sie weit über diese Sitzung hinaus begleiten. Jeder von Ihnen verlässt diesen Flug mit neuen Perspektiven, neuen Antrieben und vielleicht sogar neuen Routen für die Zukunft.
Möge Ihr Engagement so beständig sein wie unser gemeinsamer Kurs, Ihr Idealismus so tragfähig wie die stärksten Aufwinde und Ihre Überzeugungen so standhaft wie die Positionen, die Sie hier vertreten haben.
Ich danke Ihnen, den Lehrkräften, dem Vosrtand und insbesondere Herr Licht für diese inspirierende Reise – und wünsche Ihnen allen einen weiterhin erfolgreichen Flug für unser gemeinsames Europa.