Dezember 2025
Man lernt Europäer zu werden – Das ist der wesentliche Sinn jedes MEPs.
Gerade bei Internationalen MEPs gelingt dies jedoch nicht mehr allein durch das Lesen von Gesetzestexten und dem Erstellen von theoretischen Lösungsansätzen, sondern auch durch ganz praktische Erfahrungen.
Man kommt mit Jugendlichen aus dem gesamten Kontinent zusammen, von Estland bis Malta, von Belgien bis Griechenland, erkundet Unterschiede, findet Gemeinsamkeiten und schließt Freundschaften.
Allein der Gedanke daran, dass man sich noch vor 100 Jahren in entgegengesetzten Schützengräben begegnet hätte, festigt dabei noch weiter das Bewusstsein über die Wichtigkeit der Europäischen Gemeinschaft.
Millennia von Krieg wurden ersetzt durch eine Ära von Frieden, ein historischer Epochenbruch kaum besser verkörpert als durch die Gastgeberstadt des 62ten internationalen Modell Europa Parlaments, die Stadt des internationalen Friedens und Rechts, Den Haag.
Einen wesentlichen Teil zu diesem Titel Den Haags trägt der Ort der Eröffnungszeremonie, der Friedenspalast, bei.
In den Hallen des Sitzes des internationalen Gerichtshofes, einer der wesentlichen Symbole der globalen Friedensordnung und des Völkerrechts, erlebt man dabei hautnah die Bedeutung der Friedensarchitektur des 21ten Jahrhunderts.
Die Eröffnungszeremonie am Donnerstag, den 27.November 2025, begann dann mit den Grußworten von verschiedenen Vertretern der niederländischen und europäischen Politik, woraufhin die Reden der Delegationssprecher folgten.
Gehalten von Jugendlichen aus 23 EU-Mitgliedsstaaten, 2 Beitrittskandidaten, Montenegro und der Türkei, und zwei beobachtenden Mitgliedern, Norwegen und dem Vereinigten Königreich und somit so divers wie unser Kontinent selbst.
Die Themen waren vielfältig, von belgischen Schlaglöchern zu maltesischer Kolonialgeschichte, aber geeint hat uns alle eins.
Der gemeinsame Nenner, dass die Wiederkehr von den alten Mächten der Spaltung unseres Kontinents bekämpft werden muss, und dementsprechend wurde schon vor den Ausschusssitzungen wahrscheinlich der beste Lösungsansatz zu diesem Problem gefunden, die Lösung, das sind wir, Delegierte, Jugend, Europäer.
Daraufhin fanden sich alle in ihren Ausschüssen zusammen, mit einer breiten Palette von Themen würden wir uns beschäftigen, von Künstlicher Intelligenz zur Verteidigungspolitik und der klimaneutralen Wende der Industrie und Landwirtschaft.
Vor der Arbeit des Ausschusses, hatte man aber erstmal die Chance mit diesem die wunderschöne Innenstadt Den Haags zu erkunden.
Dabei sah man unteranderem gemeinsam das niederländische Parlament, den niederländischen Königspalast, und hatte die Chance das Mauritshuis zu besichtigen, eines der bekanntesten Kunstmuseen der Welt, in denen unter anderem das Gemälde „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ von Johannes Vermeer ausgestellt wird.
Dies unterstreicht wieder, dass dieses iMEP nicht nur eine bereichernde politische Erfahrung, sondern auch eine bereichernde kulturelle und persönliche Dimension beherbergte.
Diese persönlichen Erfahrungen wurden maßgeblich durch die Gespräche im Zwischendurch beeinflusst. Wenn man einen spontanen Zwischenstopp macht, um Pommes zu essen, improvisiert holländische „Poffertjes“ beim „Albert Heijn“ kauft oder daraufhin die Straßenbahn verpasst, dann wachsen dort nicht nur Ausschussvorsitzende und Delegierte, sondern auch Kulturen zusammen.
Freitag und Samstag stand dann die Arbeit in den Ausschüssen an, der Kern jedes MEPs.
Das Ziel dabei ist die Erstellung einer Resolution. Diese besteht aus den ICs, die einleitenden Sätze, welche die gegebene Fragestellung charakterisieren, und den OCs, den operativen Sätzen, in denen man Maßnahmen definiert, um die Problematiken der Fragestellung zu bekämpfen.
Dabei ist das Ziel, dass diese Resolutionen in der Plenardebatte angenommen werden sollen, weshalb man immer ein Äquilibrium zwischen Realisierbarkeit und Wirkungsgrad finden muss.
Natürlich ist dieser Balanceakt oftmals schwierig zu gestalten, und verlangt viel Arbeit, Debatten und Kompromisse. Dies ist aber genau eine weitere Essenz des MEPs, die Persöhnlichkeitsgestaltung.
Man findet nämlich besonders mit der Ausschussarbeit beim MEP ein Stück seiner selbst. Das selbstständige Denken, das Reden vor einem großen Publikum und vor allem das Einstehen für seine Ideen, seine Ideale, und letztendlich sich selbst, trotz enormen Gegenwindes, alles Kompetenzen, welche einem als Mensch selbst in einem großen Ausmaß weiterentwickelt. Besonders auf einer anderen Sprache, mit wildfremden Menschen und komplett unterschiedlichen Lebenshintergründen ist man zurückblickend immer fasziniert von dem, was man sowohl als Gemeinschaft, in Form der Resolution, als auch als Individuum erreicht hat.
Die Nervosität, ob man seine erhoffte Rede bekommt, die Erleichterung, wenn man es geschafft hat, und am Ende der Stolz, wenn die Resolution, mit seinen Ideen gedruckt wird, alles unbeschreibliche Gefühle.
Unbeschreibliche Gefühle, wofür jede Nachtschicht, jedes nochmalige Kämpfen um diesen einen Punkt, jedes Widerwort, es Wert ist.
Nach der mühseligen Ausschussarbeit bedarf es aber auch wieder einer Lockerung, und genau dafür war der darauffolgende „Cultural Evening“ ideal.
Dort sollte nämlich jede Delegation ihre jeweiligen Länder uns allen vorstellen.
Von französischer Streikkultur, zum österreichischen Après-Ski und ungarischem Volkstanz fand man ein Mosaik von Präsentation für das deckungsgleiche Mosaik der europäischen Kulturen wieder.
Man tanzt mit den Leuten, mit denen man noch gerade eben hinzig debattiert hat, und dies zeigt ein weiteres Fundament unserer europäischen Demokratie, wir mögen uns in unseren Überzeugungen unterscheiden, aber niemals in der Existenz von Menschlichkeit.
Die deutsche Delegation steuerte eine Singeinlage von 99 Luftballons bei und spielte dabei die im Text erwähnten Düsenflieger, vorgetragen vor den Augen von 150 anderen Jugendlichen, ein Grad der Exzentrik, welche ich mir persönlich vor meinen MEP-Erfahrungen nicht hätte vorstellen können.
Nach dem Lachen, Tanzen und kulturellem Austausch ging es aber am Sonntagmorgen wieder in knallharte Realpolitik zurück.
Uns besuchte nämlich der ehemalige niederländische Premierminister und der jetzige NATO-Generalsekretär, Mark Rutte.
Präsent war da natürlich wieder der rote Faden, welcher sich schon durch das gesamte iMEP zog, die Frage nach Krieg und Frieden, die Frage nach einer Europäischen Zukunft oder eine Rückkehr in die Ebnenden unserer dunklen Vergangenheit.
Als Lehre aus dem Austausch zog man daraufhin gemeinsam drei primäre Schlüsse, die Souveränität der Ukraine ist zu bewahren, jeder Meter NATO-Territorium muss verteidigt werden und Europa muss im Zuge von amerikanischer Neuorientierung seine Sicherheitsarchitektur auf mehr Integration umstellen.
Die Existenz der Union und ihrer Werte sei nämlich unverhandelbar.
Als persönliche Randbemerkung war es für mich verrückt, dass ein 16-jähriger Junge, ohne besondere gesellschaftliche Stellung oder Herkunft, den Generalsekretär der gesamten NATO, welche die Sicherheit für rund eine Milliarde Menschen garantiert, Fragen stellen und seine Sichtweisen nahebringen konnte.
Das ist die Schönheit der Demokratie.
Danach stand am stand am Sonntagabend wieder die Arbeit an, in Form des Delegationstreffens und des Lobbyings.
Dort beschäftigt man sich dann mit der Arbeit der anderen Ausschüsse, klärt Verständnisfragen, formuliert in Form von Änderungsanträgen Verbesserungsvorschläge und bespricht daraufhin die Verteidigungsstrategien für seinen eigenen Ausschuss.
Eine Hektik, mit der ich mich nie anfreunden werde, aber auch irgendwie zum MEP-Gefühl dazugehört.
Das ist auch ein wesentlicher Aspekt, wenn man sich entscheidet, ob man bei einem MEP oder einem ähnlichen Projekt mitmachen soll.
Es wird immer etwas zu bemängeln geben, irgendetwas negatives, aber am Ende, da zählt das große Ganze, und das ist zweifellos positiv.
Am Montag und Dienstag stand dann der Höhepunkt des gesamten Internationalen MEPs an, die Plenardebatte.
Mitten in der Herzkammer der niederländischen Demokratie, dem Repräsentantenhaus, der Tweede Kamer. Eine beeindruckende Atmosphäre, da man nun auf den Sitzen der Größen der niederländischen Politik, von Rob Jetten zu Mark Rutte, saß.
Trotzdem war im Saal auch ein Gefühl der Anspannung deutlich zu spüren, da nun die erarbeiteten Resolutionen von den jeweiligen 10 Ausschüssen ausgiebig debattiert werden.
Änderungsanträge werden behandelt, Angriffsreden vorgetragen, Verteidigungsreden, welche deine ganze politische Passion und dein gesamtes Wissen erfordern, gehalten, das ist das Herzblut in der Debatte, welches das MEP so einzigartig macht.
Am Ende steht dann die Abstimmung, man weiß nicht, ob man erfolgreich verteidigt hat, ob nun die ganze Mühe und der Schweiß in die Resolutionen sich bewähren wird, und am Ende, wenn seine Resolution akzeptiert wird, herrscht nur noch Ekstase.
Man hat es geschafft.
Und danach? Danach ging es zurück. Zurück nach Talinn, Valletta oder Koblenz.
Und, obwohl man nun wieder in allen Teilen unseres Kontinentes verteilt war, werden alle eine gemeinsame Erfahrung in Den Haag teilen.
Eine Erfahrung, nach welcher man nun mit aller verbundenen Verantwortung und Überzeugung sagen kann:
Man ist nun endlich Europäer geworden
Aaron Karnath, Koblenz